„Innerhalb weniger Tage wurden das Recherchetool und unsere Berichterstattung dazu bereits millionenfach aufgerufen und Tausende Male geteilt.“
Ein Interview mit Jakob Bauer über das nominierte Angebot „War Ihre Familie in der NSDAP? Das Recherchetool der ZEIT„
Erstmalig ist hier die Möglichkeit entstanden, online mehr als 12 Mio. Datensätze nach der NS-Geschichte der Vorfahren zu durchsuchen – gebündelt und leicht zugänglich. Durch den Einsatz neuentwickelter technischer Methoden und künstlicher Intelligenz entsteht ein Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit und damit zur Erinnerungskultur, der bereits bundesweit für Aufsehen gesorgt hat. Einordnende Begleitartikel ergänzen und liefern Kontexte.

Wie ist die Idee zu Ihrem Angebot entstanden? Gab es einen konkreten Anlass?
Waren die Eltern, Opa oder Uroma in Adolf Hitlers Partei, der NSDAP? Im Frühjahr 2026 versuchten viele Menschen, dieser Frage nachzugehen, jedoch ohne großen Erfolg. Drei Monate zuvor hatte das US-Nationalarchiv nämlich damit begonnen, digitalisierte Mikrofilmkopien der Original-Mitgliederkartei der Nazi-Partei auf seine Server zu laden. Einige Wochen lagen die abfotografierten Dokumente dort unentdeckt, bis sie in ersten Blogs und Internetforen diskutiert wurden und später auch Medien das Thema aufgriffen.
In der Folge brachen dann die Server des Archivs immer wieder zusammen, offenbar wegen zu vieler gleichzeitiger Zugriffe. Zugleich war der Frust bei vielen groß, die die Seiten doch aufrufen konnten: Die Benutzeroberfläche des Archivs war unübersichtlich und nur sehr schwer zu bedienen. Theoretisch ließen sich Personen zwar finden, praktisch aber stießen Benutzer auf große Hürden, mussten sich teils durch Tausende Karteikarten, Fotos oder auch leere Seiten klicken.
Das brachte uns bei der ZEIT direkt auf die entscheidende Idee: Warum versuchen wir nicht selbst, die NSDAP-Mitgliederkartei einfach nur mit der Eingabe des eigenen Familiennamens, Wohnorts oder Geburtsdatums durchsuchbar zu machen? Schnell trieben uns dabei noch auch weitere Fragen an: Ließe sich die Kartei auch statistisch auswerten? Welche Bedeutung hatte eine Mitgliedschaft? Was, wenn die Erzählungen aus der eigenen Familie zum Nationalsozialismus plötzlich in Teilen überprüfbar und einfach nachweisbar würden? Was könnte ein schneller und komfortabler Zugriff auf Millionen von Dokumenten aus der Nazizeit 80 Jahre nach Kriegsende noch auslösen?
Also gründeten wir direkt ein Team aus Datenjournalisten, Mathematikern, KI-Experten und Redakteuren aus den Ressorts Geschichte und Wissenschaft mit dem Ziel, ein eigenes Recherchetool zu entwickeln, das nicht nur besser erreichbar und zu bedienen ist, sondern auch noch den historischen Kontext zur NSDAP-Kartei liefert. Und wir waren überrascht, wie schnell und umfangreich uns das gelingen sollte.
Was war der größte Erfolgsmoment in der Arbeit, was die größte Herausforderung?
Davon gab es mehrere. Zunächst war unklar, ob es überhaupt gelingen würde, insgesamt rund 1,5 Terabyte an Datenmaterial so auszulesen, dass die darin enthaltenen mehr als zehn Millionen NSDAP-Karteikarten eindeutig nach Namen, Geburtsdaten und Wohnorten durchsuchbar werden. Neben den Karteikarten gab es auch Fotos und leere Seiten, die in Tausenden von PDF-Dokumenten mit jeweils mehr als 3.000 Seiten zusammengefasst vorlagen. Die erste Herausforderung war also, Ordnung zu schaffen. Mit selbst geschriebenen Algorithmen sowie speziellen KI-Modellen begannen unsere Datenspezialisten mit der Arbeit.
Der erste Erfolgsmoment war schnell erreicht: Nicht nur entzifferten die Modelle wie erwartet die Schreibmaschinenschrift auf den Karteikarten, sondern auch Einträge, die einst handschriftlich in alter Kurrentschrift verfasst worden waren. Damit war klar: Ein Recherchetool zu entwickeln, ist grundsätzlich möglich. In kaum mehr als zwei Wochen gelang es uns dann am 2. April, die erste umfassende Version unseres interaktiven Tools mitsamt inhaltlicher und statistischer Auswertung zu veröffentlichen. Gleichzeitig erschienen Artikel und Interviews zum historischen Kontext der Kartei, ihrer Bedeutung und zur Frage, was es hieß, Mitglied in der NSDAP gewesen zu sein.
Der größte Erfolgsmoment aber war die Wucht des Interesses und der Debatte, die unsere Suchmaschine auslöste: Innerhalb weniger Tage wurden das Recherchetool und unsere Berichterstattung dazu bereits millionenfach aufgerufen und Tausende Male geteilt. Wir erhielten Dankesmails und Zuschriften von Menschen, die Angehörige erstmals in der Kartei gefunden hatten. Unsere Veröffentlichung stieß weltweit auf Interesse. CNN, BBC, der Guardian und Le Monde berichteten darüber, weitere Medien in Nord- wie Südamerika bis hin nach Asien folgten. Solche Reaktionen hat die ZEIT in ihrer Geschichte noch mit keiner Veröffentlichung hervorgerufen.
Wie sehen Ihre weiteren Pläne für das Angebot aus?
Seit der ersten Veröffentlichung haben wir unser Suchtool immer weiter verbessert. Hunderte Hinweise und Fragen von Leserinnen und Lesern haben wir seither berücksichtigt. Sämtliche Aktualisierungen werden transparent unter dem Artikel aufgelistet.
Im Sommer hat die ZEIT die Suche zusätzlich und exklusiv um rund 9,6 Millionen Seiten Personalunterlagen von SA und SS erweitert. Diese Dokumente der beiden wichtigsten Täterorganisationen im Nationalsozialismus sind ausschließlich von der ZEIT systematisch aufbereitet und durchsuchbar gemacht worden.
Weitere Veröffentlichungen sind geplant. Dafür arbeiten wir eng mit Historikern und Wissenschaftlern zusammen, um weitere Projekte im Rahmen der Erinnerungskultur, der NS-Aufarbeitung und der Forschung in diesem Bereich zu ermöglichen. Dabei wird der Zugang zu digitalisierten Originaldokumenten ein Kernbestandteil und Fokus bleiben.
Darüber hinaus kooperieren wir mit dem Bundesarchiv, das die NS-Originalakten auf Papier in Deutschland bereithält. In deren Lesesälen in Koblenz und Berlin-Lichterfelde lässt sich seit einigen Wochen die ZEIT-Suche zudem kostenlos nutzen.
Vielen Dank für das Interview!











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