„Plötzlich standen wir selbst vor den Fragen, die sich bald viele Leserinnen und Leser stellen würden: Was bedeutet das Eintrittsdatum? Warum trägt die Karte Stempel? Wo suche ich weiter?“
Ein Interview mit Oliver Trenkamp über das nominierte Angebot „Die SPIEGEL Nazi-Kartei – Was tat Ihre Familie unter Hitler?“
„Die SPIEGEL Nazi-Kartei“ ist ein gesellschaftlich hochrelevantes Rechercheangebot, das individuelle Familiengeschichte mit der Aufarbeitung der NS-Zeit verbindet. Die interaktive Recherche macht historische Quellen zugänglich und liefert umfangreichen Kontext, Hintergrund und Einordnung. So entsteht weit mehr als eine Suche nach Namen: ein wirkungsvolles Angebot, das Erinnerung konkret macht und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte anregt.

Wie ist die Idee zu Ihrem Angebot entstanden? Gab es einen konkreten Anlass?
Ja, den gab es. Anfang des Jahres hat das US-Nationalarchiv ohne großes Aufheben Scans der NSDAP-Mitgliederkartei online veröffentlicht. Der SPIEGEL berichtete als erstes großes deutsches Medium darüber. Das Interesse der Leserinnen und Leser war enorm, zeitweilig war die Website des Nationalarchivs nicht mehr erreichbar. Auch deshalb wollten wir diesen Schatz für alle leicht durchsuchbar machen, so komfortabel wie möglich.
Uns trieb noch ein zweiter Gedanke an: Wir wollten unsere Leserinnen und Leser mit ihren Funden und Fragen nicht allein lassen, sondern möglichst viel historisch einordnen.
Was war der größte Erfolgsmoment in der Arbeit, was die größte Herausforderung?
Es ist schwer, Einzelnes herauszuheben. Einer der bewegendsten Momente kam vor dem Start, als wir die Suche intern in Betrieb nahmen und sie gut funktionierte. Wir fanden unsere eigenen Verwandten, schnell und ohne Umwege. Plötzlich standen wir selbst vor den Fragen, die sich bald viele Leserinnen und Leser stellen würden: Was bedeutet das Eintrittsdatum? Warum trägt die Karte Stempel? Wo suche ich weiter?
Diesem Verlangen nach Einordnung und Kontext gerecht zu werden, war eine große Herausforderung. Zu jeder Karte erklären wir, was sie zeigt und was nicht. Für viele Bundesländer haben wir erstmals zusammengetragen, wo Entnazifizierungsakten liegen, wichtige Dokumente für die weitere Familienrecherche. Später kamen Hinweise aus dem Bundesarchiv hinzu: Mehr als 100.000 Parteimitglieder tauchen auch in SS-Akten auf. All das zusammenzubringen und klug aufzubereiten, war eine tolle Teamleistung.
Die größte Hürde war die Schrift auf den Karteikarten. Wie liest man Millionen alter Handschriften? Erst die KI-Entwicklung der vergangenen Monate machte das möglich. Wir kombinierten klassisches maschinelles Lernen mit einem großen Sprachmodell. Doch jede KI irrt. Also baten wir die Leser um Hilfe. Wer einen Fehler entdeckt, schickt uns eine Korrektur. Mit eigens gebauten Werkzeugen arbeiten wir sie ein. Die vielen Zuschriften haben immer wieder dazu beigetragen, die Kartei ein Stück besser zu machen – und immer wieder für kleine Erfolgserlebnisse gesorgt.
Wie sehen Ihre weiteren Pläne für das Angebot aus?
Wir haben die Nazi-Kartei von Beginn an als Projekt verstanden, das wir permanent pflegen und weiterentwickeln. Wir arbeiten an neuen Interaktionsmöglichkeiten. So lässt sich die Kartei seit Kurzem per Chatbot durchsuchen: Unsere Leserinnen und Leser können mit KI-Assistenten nach Personen suchen, Fragen zu möglichen NSDAP-Mitgliedschaften stellen oder Hintergründe aus Dutzenden SPIEGEL-Artikeln bekommen.
Auch das umfassende Begleitprogramm zur Kartei geht weiter: Anfang November sprechen wir in unserem Live-Talk SPIEGEL Deep Dive mit Abonnentinnen und Abonnenten darüber, wie sie ihre Familiengeschichte weiter erforschen können.
Vielen Dank für das Interview!








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