„Mehr als eine Milliarde Euro gehen der Steuerkasse – und damit uns allen – jedes Jahr verloren, weil Unternehmen ihre Gewinne innerhalb Deutschlands in Steueroasen verschieben.“
Ein Interview mit Aiko Kempen über das nominierte Angebot „Das Steueroasen-Verzeichnis“
Wieso tummeln sich etliche Unternehmen in einem verlassenen Gebäude in einem Münchner Vorort? Das ZDF Magazin Royale und FragDenStaat liefern mit ihrem Steueroasen-Verzeichnis die Antwort. Eine interaktive Karte macht gemeinsam mit begleitenden Texten 37 Steueroasen in Deutschland erkundbar – Orte mit sehr niedriger Gewerbesteuer, die zugleich überdurchschnittlich hohe Gewerbesteuereinnahmen erzielen. Aufwendiger Datenjournalismus macht so ein strukturelles Problem und sperriges Thema sichtbar und verständlich.

Wie ist die Idee zu Ihrem Angebot entstanden? Gab es einen konkreten Anlass?
Im Herbst 2025 hatten wir als Team gemeinsam die absurdeste Steueroase Deutschlands aufgedeckt: eine kleine Waldhütte in Norddeutschland, in der mehr als zwanzig teils millionenschwere Firmen gemeldet waren und ihre Steuern nicht in öffentliche Kassen zahlten, sondern an die Familie Bismarck. Die Folge der Recherche: Die Steueroase wurde trockengelegt, Bismarcks Sonderrechte aus der Kaiserzeit wurden abgeschafft und die Steuern der Firmen kommen jetzt der Allgemeinheit zugute.
Daraufhin haben wir uns gedacht: “Lasst uns das doch fortsetzen, nur diesmal einfach mit ALLEN Steueroasen in Deutschland.“ Denn Gewerbesteueroasen gibt es in Deutschland einige. Und sie sind ein massives Gerechtigkeitsproblem. Mehr als eine Milliarde Euro gehen der Steuerkasse – und damit uns allen – jedes Jahr verloren, weil Unternehmen ihre Gewinne innerhalb Deutschlands in Steueroasen verschieben.
Was war der größte Erfolgsmoment in der Arbeit, was die größte Herausforderung?
Die größte Herausforderung des Projekts war zum einen, ein scheinbar trockenes Thema rund um Steuern, “Gewerbesteuerhebesatz” oder “Scheingeschäftssitze” interessant und anschaulich aufzubereiten. Zum anderen mussten wir uns durch eine riesige Datenmenge von zigtausend Handelsregistereinträgen wühlen und hunderte weitere Daten aus öffentlichen Registern aufbereiten und verknüpfen. In all den Daten mussten wir dann noch Prominente, Tochterfirmen von DAX-Konzernen und besonders fragwürdige Adressen identifizieren. Mit viel Arbeit konnte so das umfassende Steueroasen-Verzeichnis entstehen. Diese Steueroasen dann auch vor Ort zu erkunden und Wohnhäuser zu dokumentieren, in denen angeblich hunderte Firmen arbeiten sollen, war dann der deutlich angenehmere Teil der Arbeit.
Der größte Erfolgsmoment war es, zu sehen, dass unser Steueroasen-Verzeichnis ganz konkret etwas für mehr Steuergerechtigkeit bewirkt hat. Die Bundesregierung hat nach der Veröffentlichung eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht und kürzlich sogar noch einmal nachgeschärft. In der Gesetzesbegründung verweist die Regierung explizit auf unsere Recherche. Damit könnten ab 2027 jedes Jahr hunderte Millionen Euro zusätzlich in öffentliche Kassen fließen – genug Geld für schätzungsweise 20 Schulen, hunderte Kilometer Radweg oder 1.000 kommunale Wohnungen.
Auch die Steuerfahndung ist nach unserer Veröffentlichung aktiv geworden. Sie hat gleich mehrere Adressen aus unserem Verzeichnis durchsucht. In einem Dorf in Thüringen hat die Polizei sogar das Mobiltelefon des Bürgermeisters beschlagnahmt und ermittelt wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung.
Wie sehen Ihre weiteren Pläne für das Angebot aus?
Die Behörden haben wichtige Schritte eingeleitet, um das System der Steueroasen in Deutschland einzudämmen. Das Steueroasen-Verzeichnis war also ein voller Erfolg. Das System deutscher Gewerbesteueroasen, das dort dokumentiert ist – und dafür sorgte, dass der Allgemeinheit bisher jährlich rund eine Milliarde Euro fehlen – wird es ab 2027 nicht mehr in dieser Form geben.
Doch das heißt nicht, dass das Steueroasen-Verzeichnis deshalb Geschichte ist. Vor allem lokale Medien konnten das Verzeichnis seit der Veröffentlichung als Ausgangspunkt für eigene Recherchen nutzen. Dies soll auch zukünftig möglich sein. Zugleich behalten wir das Thema weiter im Blick und recherchieren weiter zu Steuergerechtigkeit, Ungleichheit und Reichtum.
Vielen Dank für das Interview!










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