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Beispiele, Publikationen

Erzählwelten 3.0 – neue MedienConcret erschienen

Das Erzählen ist Grundlage von allem: „Ohne ist nichts nicht, so scheint es“. Das Erzählen erschafft und transportiert Mythen, es konstruiert Identitäten und rahmt Existenzen. Daher begleitet es uns seit Menschengedenken, angefangen von der Höhlenmalerei, über die Bibel und später den Roman, bis hin zu den bewegten Bildern heutiger Tage und ins Digitale hinein. Galt lange mit Blick auf das Web, je kürzer desto besser und „wer scrollt verliert“, scheint sich jetzt der Trend umzukehren: Langformen etablieren sich unter dem Etikett Scrollytelling und das Erzählen wird zunehmend medienübergreifend(er). Kein Wunder also, dass das Erzählen schon mehrfach hier im Blog Thema war und wohl auch immer wieder sein wird, denn egal ob kurz oder lang: Es sind die Geschichten, die unser Interesse für Medien erst wecken und deren Inhalte Form und Gestaltung geben – jenseits der Oberflächen.

Den heutigen „Erzählwelten 3.0“ widmet sich auch die neu erschienene Ausgabe der MedienConcret, herausgegeben vom Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum, welches diverse Preise im Kinder- und Jugendbereich ausrichtet, und dem JFC Medienzentrum, welches seit Jahrzehnten medienpädagogisch aktiv ist. Die MedienConcret Ausgabe 1/15 stellt die neuen Erzähltrends vor und untersucht ihren Einfluss auf die einzelnen Mediensparten. Das Heft in seinen zahlreichen Beiträgen von unterschiedlichen Autoren die Einflüsse von Interaktivität, Mobilität, Medienkonvergenz und Crossmedia auf Inhalte und Formate von Erzählungen aus – mit dem Ziel, neue Potenziale für die kreative Medienarbeit vor allem mit jungen Zielgruppen zu entdecken und (weiter) zu entwickeln. Denn die digitale Erzählkultur schafft neue Chancen und Herausforderungen für die Medien(pädagogische)Praxis, wobei immer wieder Preisträger des Grimme Online Award namentlich Thema sind – als Beispiel und Anregung. Dass auch andere Zielgruppen von den Beiträgen profitieren (können), sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Worum es geht auf den 110 Heftseiten?

Eingangs werden Antworten gesucht auf die Frage(n): Warum sind Erzählungen überhaupt so bedeutsam für uns? Es geht um die Grundlagen des Erzählens: Was macht eine gute Geschichte aus – gestern, heute, morgen – oral, gedruckt, in traditionellen und virtuellen Medienwelten. Welche neuen interaktiven, kollaborativen, erzählerischen und ästhetischen Möglichkeiten bietet das transmediale Storytelling? Und wie müssen Geschichten künftig erzählt werden, um beispielsweise den Mediengewohnheiten junger Zielgruppen Rechnung zu tragen? Webvideo wird unter die Lupe genommen, ergänzt durch ein Interview mit Dr. Allwissend, der auf YouTube einen Wissenskanal betreibt, sowie Filme von Jugendlichen beim Deutschen Jugenvideopreis, interaktive Geschichten beim Multimediawettbewerb mb 21 und populäre Stoffe in der sogenannten Fanfiction: Petra Schrackmann führt in diese ganz eigene Welt ein, die in der 1960er mit der TV-Serie „Star Trek“ entstand und sich in Kurzgeschichten, Gedichten und sogar Romanen äußerte, welche die Serieninhalte nicht nur fortsetzten, sondern um teilweise unterbelichtete Aspekte fortsetzt – eine Art „produzierendes Rezipieren“. Hier haben Henry Jenkins „Partizipationskulturen“ ihre Wurzeln und entwickeln eigene soziale und kulturelle Indentitäten(en) „durch die Aneignung populärer Texte“. Dabei hat sich eine eigene Terminologie heraus gebildet, wobei insbesondere deutsche Portale Hilfestellung wie Animexx oder Fanfiktion  leisten, um sich hier zurechtzufinden. Ein wichtiger Beitrag zur Netzpubliszistik? Nun, vielleicht auch nur ein wichtiger Beitrag zur Teilhabe, aber faszinierend allemal, was Petra Schrackmann hier vorstellt (S. 44-47).

Polar-Sea

2015 ebenfalls ausgezcienet: Die ARTE Produktion “Polar Sea 360°“ macht den Klimawandel sichtbar und ermöglicht – eindrücklich auch per zugehöriger Smartphone-App und mit VR-Brille – ganz genau hinzuschauen, wie sich die Erde wandelt.

„Gesicherter“ ist der Beitrag der bereits erwähnten und in zahlreichen Wettbewerben in Erscheinung getretenen Scrollytellings, den vielfach multimedial aufbereiteten Webreportagen, die im besten Falle nicht nur mitreißende Erzählungen darstellen, sondern eine eigene Webspezifik aufweisen. Hektor Haarkötter feiert sie in seinem Beitrag „Häppchen-Journalismus war gestern“ (S. 52-55) als „neue journalistische Langform“ für das Netz. Natürlich kommt er auf die trendsetzende und namensprägende Snowfall-Webreportage der New York Times zu sprechen ebenso wie die in diesem Jahr für den Grimme Online Award-nominierten Produktion „Mein Vater, eine Werwolf“ von Spiegel Online sowie die Produktion „Am Berg der Fahrrad-verrückten“ von ZEIT ONLINE, die in der vorletzten Preispublikation von einem der Autoren – Jonathan Sachse – breiter besprochen wurde. Das ist alles nicht neu, aber sicher eine gute Einführung. Abgerundet wird der Beitrag durch die Vorstellung zahlreicher Tools, „Pageflow“ des WDR – 2014 in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet – und andere mehr, auf das noch mehr Webreportagen folgen. Hierbei kommt Haarkötter nicht ohne eine eigene Wortschöpfung aus; er spricht von „Multistorys“ – wer’s braucht? Ergänzend hierzu sei der Beitrag von Torben Kohring und Alexander Hundenborn empfohlen, der zahlreiche Tipps zu neuen Erzählformen bereit hält und neue Formate sowie Methoden im Überblick präsentiert. Ein Beitrag von Robin Liebetrau (S. 82-83) widmet sich den narrativen Potenzialen von VR-Brillen, andere dem filmischen Erzählen und  Tom Tykwer spricht im Interview.

Mit Joe Lambert kommt der „Earl of digital storytelling“ zu Wort, der noch einmal eine internationale Perpektive aufmacht. JFC-Mitarbeiterin Henrike Boy beschreibt (S. 94-96)), wie Jugendliche ein interaktives Theater-Game entwickeln und Jörg Hein stellt das Tool PLOT TWIST vor (S. 100-102), mit dessen Hilfe interaktive Kurzspielfilme produziert werden können – eine von mehreren Anregungen für die kulturelle Bildung: Was gibt es hier an neuen (und alten) Ideen? Viele! Das Heft macht Lust drauf, sich diesen zu widmen oder einfach nur einen Überblick zu schaffen, um Medienentwicklungen besser beurteilen und eventuell durch eigene Ideen für die Bildungsarbeit zu begleiten.

Das MedienConcret Themenheft „Erzählwelten 3.0“ kann für 7 € zzgl. Porto beim jfc Medienzentrum bestellt werden. Weitere Infos: http://www.medienconcret.de

Disclaimer: Der Autor ist nicht am Verkaufserlös beteiligt, aber am Beitrag im Heft zum Storytelling im Webvideobereich – zusammen mit Aycha Riffi (S. 31-35): „Call to Action“.

16. November 2015/0 Kommentare/von Lars Gräßer
Schlagworte: ARTE, Jugendliche, Medienkompetenz, YouTube
https://www.goa-blog.de/wp/wp-content/uploads/2015/11/MedienConcret-1-2015.gif 320 252 Lars Gräßer https://blog2.grimme-online-award.de/wp/wp-content/uploads/2024/04/logo-ein-pixel-blind.gif Lars Gräßer2015-11-16 18:21:472024-05-22 10:28:48Erzählwelten 3.0 – neue MedienConcret erschienen
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