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Grimme Online Award, Interviews, Nominierte

„Was mich dabei besonders verwundert hat, war nicht nur die Diskussion über den konkreten Fall, sondern wie viele Menschen (und leider oft Männer) dort grundsätzlich angezweifelt haben, dass Frauen solche negativen Erfahrungen überhaupt machen.“

Ein Interview mit Lydia Ickler über das nominierte Angebot „laut.jetzt“

Übergriffs- oder Gewalterfahrungen von Frauen und FLINTA* bleiben häufig unsichtbar. laut.jetzt setzt sich dafür ein, die Taten sichtbar zu machen, ihnen Aufmerksamkeit und Raum zu geben. Ganz anonym und ohne Anmeldung können Betroffene ihre Erfahrungen melden und in einer interaktiven Karte mit den Meldungen anderer wiederfinden. Die Webseite verbindet innovativ Anonymität und Empowerment für Betroffene und leistet dabei einen feministischen Beitrag zur Gemeinschaft.

Screenshot der Website „laut.jetzt“

Wie ist die Idee zu Ihrem Angebot entstanden? Gab es einen konkreten Anlass?

Die Idee zu laut.jetzt kam mir ein paar Tage nachdem der Fall um Collien Fernandes durch die Medien gegangen ist. Ich bin auf Instagram durch die Kommentare unter Beiträgen dazu gegangen. Was mich dabei besonders verwundert hat, war nicht nur die Diskussion über den konkreten Fall, sondern wie viele Menschen (und leider oft Männer) dort grundsätzlich angezweifelt haben, dass Frauen solche negativen Erfahrungen überhaupt machen. Es wurde teilweise behauptet, solche Fälle seien „Einzelfälle“ oder würden aufgebauscht.

Das hat mich sehr beschäftigt. Ich kenne meine eigene Lebensrealität als Frau – und auch die meiner Freund:innen. Wenn wir uns zusammensetzen, kann eigentlich jede von uns mehrere unangenehme Erfahrungen aufzählen.

Und daraus entstand recht schnell die Idee: Was wäre, wenn man diese Erfahrungen einfach auf einer Karte sichtbar machen könnte? Damit man auf einen Blick wirklich sehen kann, wie viele Erfahrungen zusammenkommen, wenn man Menschen überhaupt die Möglichkeit gibt, sie niedrigschwellig zu dokumentieren. Ich wollte damit etwas schaffen, das nicht erst erklärt werden muss. Eine simple Karte, auf der sichtbar wird: Das sind nicht nur einzelne Vorfälle, die irgendwo passieren. Sondern viele. Überall. Dauernd.

Was war der größte Erfolgsmoment in der Arbeit, was die größte Herausforderung?

Ein besonderer Erfolgsmoment ist für mich, dass laut.jetzt seit dem Start Mitte April 2026 bereits rund 950.000 Downloads und 247.000 dokumentierte Erfahrungen verzeichnen konnte. Dass so viele Menschen die Möglichkeit nutzen, ihre Erlebnisse sichtbar zu machen, zeigt mir, wie groß das Bedürfnis danach ist. Auch die Nominierung für den Grimme Online Award ist eine besondere Anerkennung und freut mich sehr.

Die größte Herausforderung ist, aus dieser Sichtbarkeit konkrete Veränderungen anzustoßen. Die dokumentierten Erfahrungen machen einen Teil dessen sichtbar, was Menschen erleben – sie sind jedoch keine verifizierten Fälle und bilden nicht repräsentativ alle Erfahrungen ab. Mir ist wichtig, transparent mit den Daten umzugehen und zugleich Wege zu finden, wie die gewonnenen Einblicke gesellschaftlich und für Städte und Organisationen genutzt werden können.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne für das Angebot aus?

Ich möchte laut.jetzt weiterentwickeln und dafür sorgen, dass die Erfahrungen, die Menschen über die Plattform teilen, nicht nur sichtbar werden, sondern auch stärker in gesellschaftliche Diskussionen und konkrete Entscheidungen einfließen können.

Ein wichtiger nächster Schritt ist laut.jetzt Insights, ein Analyse-Dashboard für Städte und Organisationen, das Anfang Oktober gestartet ist. Es ermöglicht, die dokumentierten Erfahrungen differenzierter auszuwerten und Zusammenhänge sichtbar zu machen, die in einzelnen Berichten leicht untergehen. Ich möchte damit eine Grundlage schaffen, um bestehende Annahmen zu hinterfragen, neue Fragen zu stellen und Gespräche über Gewalt, strukturelle Ursachen und mögliche Handlungsansätze zu unterstützen. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit Städten und Organisationen herauszufinden, wie diese Informationen sinnvoll und nachhaltig eingesetzt werden können.

Vielen Dank für das Interview!

3. November 2026/0 Kommentare/von Paulina Schlender
Schlagworte: #GOA2026, Grimme Online Award, Grimme-Institut, Kategorie Spezial, Nominierte, Nominierte 2026, Vorschläge 2026
https://www.goa-blog.de/wp/wp-content/uploads/2026/11/spezial_26_1_355x120-px.jpeg 120 355 Paulina Schlender https://blog2.grimme-online-award.de/wp/wp-content/uploads/2024/04/logo-ein-pixel-blind.gif Paulina Schlender2026-11-03 14:48:282026-11-03 16:14:44„Was mich dabei besonders verwundert hat, war nicht nur die Diskussion über den konkreten Fall, sondern wie viele Menschen (und leider oft Männer) dort grundsätzlich angezweifelt haben, dass Frauen solche negativen Erfahrungen überhaupt machen.“
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