KI und GOA: Wie sich die neue Technologie in den aktuellen Wettbewerb einschreibt
Angenommen, man spräche über Transportmittel aller Art – vom Roller und Fahrrad über Auto, LKW und Schiff bis hin zu Flugzeug und Rakete – mit nur einem Sammelbegriff, beispielsweise ‚Vehicle‘. Wie sähe dann der öffentliche Diskurs über Mobilität, CO2-Ausstoß und Verkehrsplanung aus? Die Computerwissenschaftler Narayanan und Kapoor vergleichen dieses Sprachspiel in ihrem Buch mit dem kritisch-metaphorischen Titel „KI Schlangenöl“ (AI Snake Oil, 2024) mit eben jener Art und Weise, wie wir heute über KI sprechen. Es mangelt häufig an Differenzierungen.
Und es braucht Zeit bis die publizistische Bearbeitung „die KI“ als ein gesellschaftliches Querschnittsthema aus ihrer Technologiezentriertheit befreit, in vielfältige Formate übersetzt, inter- und transdisziplinär vernetzt und auch selbstbezüglich kritisch reflektiert: mit KI über KI im Fluss der rückkoppelnden medialen Produktion und Rezeption. Der Grimme Online Award kann in diesem Fluss mit seinen Schleifen medienkulturelle Muster erkennen und Zeichen setzen. Nach dem Neuigkeitssignal des KI Sonderpreises in den Wettbewerbsjahren 2024 und 2025 lassen sich aus den über 400 Einreichungen zum diesjährigen Grimme Online Award einige Beispiele zu KI herausgreifen und gruppieren – einen „Sonderpreis KI“ gibt es 2026 nicht mehr. Bewegt sich „die KI“ vermeintlich in Gartners Hype-Cycle weiter in Richtung eines „Plateaus der Produktivität“, so heißt dies nicht, dass auf dem Weg dorthin bestimmte KI-Innovationen nicht noch den einen oder anderen „Gipfel überzogener Erwartungen“ übersteigen und „Täler der Desillusionierung“ durchqueren werden müssen.
Welche konkreten Beispiele mit KI-Bezug finden sich unter den Einreichungen?
KI selbst als Thema

Die erste Gruppe behandelt KI selbst als Thema: Der Podcast „KI-Update“ von heise online und The Decoder beispielsweise bringt dreimal die Woche journalistisch aufbereitete und einordnende Hintergrundinformationen zu den aktuellen KI-Entwicklungen: „Ohne Hype, ohne Alarmismus“.
Der ARD-Podcast „KI und jetzt?“ stellt alltägliche Anwendungsfälle gegen polarisierende Hype- und Weltuntergangsnarrative. Zu Wort kommen Menschen in ihrem Alltag und Berufstätige, die KI in unterschiedlichen Zusammenhängen nutzen. Als Hosts dabei sind ein Journalist vom SR und ein Experte des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.
Selbstverständlich wird auch auf Social Media das Thema KI behandelt: Der eingereichte Instagram-Kanal von Alke Martens, Professorin für praktische Informatik und Informatik-Didaktik, ist „zwischen den Welten unterwegs“ und bespricht ethische, technische und gesellschaftliche Fragen. In einem aktuellen Post geht es um die durch US-Narrative angestoßene Frage, ob KI uns alle tötet. Aber: „Alke denkt anders“ und lädt zum Mitdenken ein.
Einen zusätzlichen Verbreitungskanal jenseits der Big Techs wählt ARD SOCIAL mit Mastodon im werbefreien, dezentralen Fediverse. Im Wettbewerbsjahr 2025 wurde Mastodon stellvertretend für die Idee des Fediverse mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet. Auf der Mastodon-Instanz der ARD publiziert der Kanal „KI & Koffein“ regelmäßig Fragen – „Was weiß mein KI-Chatbot über mich?“ – und stellt aktuelle Studien vor – „Auf welcher Plattform ist am meisten KI?“.
KI und Arbeit
Journalistisch aufbereitet wurde das Thema KI und Arbeit in zwei Einreichungen: Die ZEIT zeigt in einer interaktiven Datenvisualisierung „Wie ersetzbar ist Ihr Job durch KI?“, wie sich die Arbeitswelt durch den Einsatz von KI verändert und wie unterschiedlich stark Berufe davon betroffen sind. Der eigene Beruf kann im Hinblick auf seine Automatisierbarkeit, aber auch Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten analysiert werden.
Ein weiteres Beispiel aus diesem Themenfeld ist das ZDF-Angebot „KI trifft Arbeitswelt“. Der durch die Sendung „Frisst die KI unsere Jobs?“ führende Wirtschaftsjournalist verbindet in seinen Gesprächen die Technologievisionen aus dem Silicon Valley mit den Befürchtungen von Arbeitnehmern hierzulande – er selbst und sein Beruf bleiben dabei nicht ausgeklammert.
Journalismus und KI

Das Thema Journalismus und KI sowie das Berufsbild Journalist*in sind ebenfalls Gegenstand eines Experiments von Correctiv. In deren Newsletter SPOTLIGHT trat die Chefredakteurin eine Woche lang gegen eine schreibende KI an. Über die Qualität der von beiden verfassten Texte in diesem journalistischen Turing-Test konnten die Leser*innen abstimmen: Welcher Text ist von einem Menschen, welcher von einer KI?

Ein weiteres KI-Experiment, wenn auch nicht in der geschriebenen, sondern in der gesprochenen Sprache, führte der Podcast UFO und das RHET AI Center in Tübingen durch. Während die Sprachmodelle (LLM) gängiger KI-Chatbots mit einer riesigen Zahl schriftlicher Texte trainiert wurden, ist die Audio-Re-Produktion einer locker eingesprochenen Podcast-Folge mithilfe von KI und synthetischer Stimmen nur mit großem Aufwand zu realisieren. Würden die Abonnementen des Podcasts die KI-fake Ausgabe als solche erkennen? Die UFO Folge 506 nach dem KI-Experiment brachte die Auflösung und das Fazit am Schluss: „Die Zukunft der Laber-Podcasts ist gesichert.“
Beide KI-Experimente funktionierten nur, wenn die menschlichen Rezipienten im Unklaren über den wahren Urheber der Schrift- oder Sprachproduktion gelassen werden. Eben diese Transparenz- und Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte ist Teil der aktuellen EU-Gesetzgebung (AI Act, Art. 50) und gilt seit dem 2. August 2026.
KI als Werkzeug
KI tritt auch als konkretes Werkzeug in mehreren Einreichungen in Erscheinung: Generative KI kann genutzt werden, um historische Situationen zu rekonstruieren und visuell darzustellen. Toms Zeitreisen beispielsweise lässt historische Stadtansichten lebendig werden: Die Besuche von Köln um 1400, Nürnberg um 1500 oder Berlin um 1750 des Zeitreisenden Tom werden als YouTube-Videos animiert. Als Quellen für den generativen KI-Einsatz werden historische Stadtansichten, Schriften und archäologische Erkenntnisse zur mittelalterlichen Stadtentwicklung genannt.

Mit der Zeitingenieurin Mira wohnt man besonderen Momenten in der Geschichte bei und schaut in ausgewählten Situationen den historischen Figuren über die Schulter: Alexander Fleming bei der Entdeckung des Penicillins, Gutenberg bei der Erfindung des Buchdrucks oder Ost-Berlin am Tag des Mauerfalls. In allen Situationen gibt Mira den entscheidenden Tipp oder Anstoß: fiktionales Storytelling vor historischem Hintergrund.
Historisch-kritisch greift der TikTok-Kanal @90sekundengeschichte KI-generierte Darstellungen von Konzentrationslagern aus der Nazi-Zeit auf, die zunehmend über Social Media verbreitet werden und erläutert die geschichtsverfälschenden Konstruktionen und die Potenziale für den propagandistischen Medieneinsatz.
Nicht als generatives, sondern eher als analytisches Werkzeug fand KI Verwendung bei der Aufbereitung der NSDAP-Mitgliedskartei in Form einer einfach durchsuchbaren Datenbank im Web. Der Spiegel und die ZEIT wählten jeweils unterschiedliche Umsetzungen zum Zugriff auf den digitalisierten Datenbestand des US-Nationalarchivs. KI war dabei ein wichtiges Werkzeug, um beispielsweise Sütterlin-Handschrift zu entziffern und durchsuchbar zu machen. Im Zuge dieser Projekte entstanden neue Kooperationen zwischen Journalist*innen, Datenanalytiker*innen, Programmierer*innen und Historiker*innen.
KI wird in unterschiedlich ausdifferenzierten Funktionen und Anwendungen auch in den folgenden Wettbewerbsjahren des Grimme Online Award eine immer größere Rolle spielen. Es wird darum gehen, diese Entwicklungen weiter zu beobachten, den Diskurs über publizistische Qualität im Netz zu begleiten und Konsequenzen für die zukünftige Preisgestaltung abzuleiten.










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