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Grimme Online Award, Interviews, Nominierte

„Unsere Leitidee: keine gemeinsame Identität vorgeben, sondern Verständigung über unterschiedliche Identitäten ermöglichen“

Ein Interview mit Dr. Matthias Buchholz über das nominierte Angebot „Auf der Suche nach der DNA des Ostens„

Was bedeutet es heute ostdeutsch zu sein? Wie stark wird die Identität noch von der innerdeutschen Grenze geprägt? Das Online-Portal „Auf der Suche nach der DNA des Ostens“ bietet Interviews, einen interaktiven Zeitstrahl und offene Online-Umfragen rund um Ost-West-Unterschiede. Die gute Einordnung sowie die gekonnte Vermittlung von Inhalten und Daten, die das ganze Land heute noch beeinflussen, geben so Einblicke in gesamtdeutsche Realitäten – über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Screenshot der Webseite des Angebots „Auf der Suche nach der DNA des Ostens“

Wie ist die Idee zu Ihrem Angebot entstanden? Gab es einen konkreten Anlass?

Am Anfang stand eine Irritation. Seit einigen Jahren wird auffallend viel über Ostdeutschland gesprochen, meist über „die Ostdeutschen“, als wären sie eine einheitliche Gruppe. Dabei könnten Lebenswege, Erfahrungen und Haltungen kaum verschiedener sein. Warum spielt die Herkunft sogar für Menschen eine Rolle, die die DDR nie erlebt haben? Hat das, was heute als „ostdeutsch“ gilt, überhaupt noch mit der DDR-Vergangenheit zu tun? Und müssten wir die Kategorie nicht viel stärker hinterfragen? Diesen Fragen wollten wir nachgehen, ohne die Antworten schon zu kennen.

Begonnen hat alles vor rund fünf Jahren bei Hoferichter & Jacobs und dem MDR. Dort wurden ostdeutsche Prägungen journalistisch recherchiert, generationengeschichtlich eingeordnet und erzählt. Darauf aufbauend hat die Bundesstiftung Aufarbeitung das Projekt gemeinsam mit Hoferichter & Jacobs weiterentwickelt. Daraus wurde „Identitäten ohne Mauern. Auf der Suche nach der DNA des Ostens“.

Eine weitere Gesamterklärung für „den Osten“ wollten wir nicht liefern. Wir wollten zeigen, wie unterschiedlich Menschen sich selbst deuten, und diese Deutungen vergleichbar machen. Deshalb verbinden wir ausführliche biografische Interviews mit einem generationengeschichtlichen Zeitstrahl, einer offenen Mitmach-Umfrage, einem Podcast und einem Buch. Dazu kommen Erhebungen von Hoferichter & Jacobs zur Presseberichterstattung und zu Eliten in Ostdeutschland. Sie beleuchten die öffentlichen Bilder und gesellschaftlichen Strukturen, zu denen sich die persönlichen Erfahrungen in Beziehung setzen lassen.

So greifen drei Fragen ineinander: Wie sehen sich Menschen selbst? Wie wird über sie gesprochen? Und wer gelangt in einflussreiche Positionen? Im Netz lassen sich diese Perspektiven zusammenführen, und alle können sich ihren eigenen Weg durch das Material suchen. Unsere Leitidee: keine gemeinsame Identität vorgeben, sondern Verständigung über unterschiedliche Identitäten ermöglichen.

Was war der größte Erfolgsmoment in der Arbeit, was die größte Herausforderung?

Unser schönster Moment kam im September 2025, als wir das erweiterte Projekt im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig vorstellten. Es war aus umfangreichen Recherchen und sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten entstanden, aus Interviews, historischen Einordnungen und digitalen Zugängen. Daraus war ein gemeinsames, öffentliches Angebot geworden, das andere selbst erkunden und mit ihren Erfahrungen verbinden können.

Besonders wertvoll ist uns, dass die Stimmen einander nicht bestätigen müssen. Für manche Interviewte ist ihre ostdeutsche Herkunft wichtig, andere sehen sie ambivalent, wieder andere können mit der Kategorie nichts anfangen. Für einige ist es ein Akt der Emanzipation, die Fremdzuschreibung aufzugreifen und selbst mit neuen Inhalten zu füllen. Andere fühlen sich vor allem in ihrer Region verwurzelt, verstehen sich als Europäerinnen und Europäer oder als Wandernde zwischen vielen Welten. All das darf nebeneinanderstehen, ohne zu einer gemeinsamen Botschaft verschmolzen zu werden.

Genau darin lag auch die größte Herausforderung: über ostdeutsche Identitäten zu sprechen, ohne eine neue Schublade zu bauen. Schon der Titel „DNA des Ostens“ verlangt Sorgfalt. Er ist eine bewusste Zuspitzung und eine Frage, keine biologische Erklärung. Wir suchen keinen Wesenskern, sondern untersuchen Selbst- und Fremdbeschreibungen, die im Erzählen und öffentlichen Sprechen entstehen, und ihren Wandel über Generationen.

Wir wollten persönliche Erinnerungen ernst nehmen. Wir wollten historische Orientierung geben, ohne Biografien auf Generationentypen zu reduzieren. Und wir wollten mediale Zuschreibungen untersuchen, ohne in pauschale Medienkritik zu verfallen. Hinzu kam die gestalterische Aufgabe, lange Interviews und komplexe Daten zugänglich zu machen, ohne ihnen ihre Widersprüche zu nehmen. Unser Anspruch ist deshalb nicht größtmögliche Vereinfachung, sondern eine Verständlichkeit, die Unterschiede und offene Fragen sichtbar lässt.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne für das Angebot aus?

Das Projekt wächst weiter, und zwar über den Osten hinaus. Aus der Beschäftigung mit ostdeutschen Erfahrungen und Selbstbildern soll eine gesamtdeutsche Auseinandersetzung mit Herkunft, Prägungen und Zugehörigkeit werden.

Derzeit sprechen wir mit Ostdeutschen, die in den Westen gegangen sind, und mit Westdeutschen, die schon lange im Osten leben. Uns interessiert, wie ein neuer Lebensort den Blick auf die eigene Herkunft und auf den jeweils anderen Landesteil verändert. Welche Zugehörigkeiten bleiben, welche kommen hinzu? Wann wird Herkunft wichtig, wann tritt sie zurück? Diese Lebensgeschichten lösen das starre Gegenüber von Ost und West auf und zeigen Identität als etwas, das sich wandelt.

In einem dritten Schritt wollen wir auch Westdeutsche nach ihrem Blick auf Ostdeutschland und nach ihrer eigenen Identität fragen. Denn eine Frage wird erstaunlich selten gestellt: Was bedeutet es eigentlich, westdeutsch zu sein? Wird diese Herkunft überhaupt als Prägung wahrgenommen? Welche Erfahrungen verbinden sich damit, und wie beeinflussen sie den Blick auf den Osten? Eine einheitliche westdeutsche Identität setzen wir dabei ebenso wenig voraus wie eine ostdeutsche.

Damit drehen wir die Blickrichtung um: Nicht nur Ostdeutsche sollen erklären, woher sie kommen. Auch westdeutsche Selbstverständlichkeiten werden Gegenstand offener Selbstbefragung. Unser Ziel ist ein Gespräch, das unterschiedliche Perspektiven sichtbar macht, ohne Unterschiede einzuebnen oder neue Grenzen zu ziehen.

2027 soll außerdem eine Plakatausstellung die Inhalte in Schulen, Bibliotheken und andere Bildungsorte tragen. Website, Buch, Podcast und Ausstellung öffnen so verschiedene Türen zu einem gemeinsamen Anliegen: Verständigung durch die Begegnung mit anderen Erfahrungen.

Vielen Dank für das Interview!

3. November 2026/0 Kommentare/von Milea Kerkhoff
Schlagworte: #GOA2026, #Grimme Online Award, DNA, Grimme Online Award, Identität, Interview, Nominierte, Nominierte 2026, Ostdeutschland, Vorschläge 2026
https://www.goa-blog.de/wp/wp-content/uploads/2026/11/DNA-des-Ostens_Header_355x120px.jpeg 120 355 Milea Kerkhoff https://blog2.grimme-online-award.de/wp/wp-content/uploads/2024/04/logo-ein-pixel-blind.gif Milea Kerkhoff2026-11-03 15:58:402026-11-03 15:58:43„Unsere Leitidee: keine gemeinsame Identität vorgeben, sondern Verständigung über unterschiedliche Identitäten ermöglichen“
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