„Der Permafrost war der rote Faden, der all das verbindet – und der in Blatten plötzlich für alle sichtbar wurde.“
Ein Interview mit Christof Gertsch über die nominierte Scrollytelling-Reportage „Das große Tauen: Wie der Klimawandel Bergdörfer bedroht“
Im Schweizer Lötschental verschwindet das gesamte Dorf Blatten unter der Lawine eines Bergsturzes – innerhalb von 40 Sekunden. Von hier aus führt die Scrollytelling-Reportage „Das große Tauen“ des Schweizer Tages-Anzeigers durch aktuelle Beobachtungen und langfristige Gefahren, die mit dem Auftauen des Permafrosts entstehen. Multimedial unterstützt durch Bildmaterial, Grafiken, Karten und Animationen, macht die Scrollytelling-Reportage die Folgen des Klimawandels am Beispiel des kleinen Dorfes Blatten anschaulich und weitet den Blick schließlich auf die globalen Risiken und Folgen.
Wie ist die Idee zu Ihrem Angebot entstanden? Gab es einen konkreten Anlass?
Der Anlass war das Ereignis selbst: der Bergsturz, der im Mai 2025 das Walliser Dorf Blatten unter sich begrub. Schon in diesem Moment war mir klar, dass man das Thema weiter fassen müsste – aber nicht sofort, nicht mitten in der Aufregung, als in der Schweiz alle gebannt auf diesen einen Ort blickten. Sondern mit Distanz. Und dann wirklich mit Distanz: Ich wollte den Blick weiten, weg vom Einzelereignis, hin zum großen Ganzen. Vom verschütteten Bergdorf bis in die Arktis, wo derselbe gefrorene Boden auf einer unvorstellbaren Fläche verschwindet. Der Permafrost war der rote Faden, der all das verbindet – und der in Blatten plötzlich für alle sichtbar wurde.
Was war der größte Erfolgsmoment in der Arbeit, was die größte Herausforderung?
Beides hängt eng zusammen. Die größte Herausforderung war, die komplexen wissenschaftlichen Zusammenhänge überhaupt zu begreifen – was im Inneren eines Berges geschieht, warum Flüsse rosten, wie ein Boden Jahrtausende alten Kohlenstoff ausatmet. Und der größte Erfolg war dann, diese Zusammenhänge – hoffentlich! – tatsächlich verstanden zu haben. Möglich wurde das nur dank unzähliger guter Gespräche mit herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich für mich viel Zeit genommen haben. Wenn es uns gelungen ist, ihr Wissen so zu übersetzen, dass es auch Leserinnen und Leser fesselt, die mit Geologie oder Mikrobiologie sonst nichts am Hut haben, dann war die Mühe das wert.
Wie sehen Ihre weiteren Pläne für das Angebot aus?
Das Permafrost-Thema selbst ist für uns damit abgeschlossen. Nicht abgeschlossen ist aber der ausführliche, erzählerische Blick auf die großen Klimathemen, dem wir uns seit drei, vier Jahren in dieser Teamkonstellation vermehrt widmen – und weiter widmen wollen. Mit demselben Anspruch und ähnlich aufwendigen Online-Umsetzungen. Der Permafrost war eine Station auf einem längeren Weg.
Vielen Dank für das Interview!


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