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14. November 2024/inVeranstaltungen/vonMonika Elias

Kreatives Werk des Widerstands aus dem Untergrund neu entdeckt

Gedenkabend zu Curt Bloch im Stadtgymnasium Dortmund

Es ist 1942. Curt Bloch hat Angst um sein Leben und um das seiner Familie. Er versteckt sich auf dem Dachboden eines christlichen Ehepaars in den Niederlanden. Er befürchtet, entdeckt oder verraten zu werden. Die Nazis patrouillieren auf den Straßen. Seit ihrem Einmarsch werden auch in den Niederlanden Juden massenhaft deportiert und systematisch ermordet. In dieser Zeit schreibt er diese Zeilen: „Frei ist mehr als Geld und Güter, mehr noch als das täglich Brot. Seid darum der Freiheit Hüter. Denn wer unfrei ist, ist – tot.“ 

Simone Bloch reiste extra aus New York an.

Mit diesem eindringlichen Appell endet das Gedicht „Freiheit!“ von Curt Bloch, verfasst in seinem Versteck in den Niederlanden. Der Jurist beginnt auf dem Dachboden sein einzigartiges Werk des Widerstands: „Het Onderwater Cabaret“ (das Unterwasser-Kabarett). Er schenkt damit Hoffnung, klärt auf, macht Mut – sich, anderen Untergetauchten und ihren Helfenden. Aus eingeschmuggelten Zeitschriften und Illustrierten schneidet er Bilder aus. Er klebt sie in kleine Hefte, illustriert diese mit Zeichnungen und schreibt darin in drei Jahren 492 Gedichte. Sie sind satirisch und politisch, klären über den Krieg auf oder richten sich berührend an seine Mutter, an seine Schwester Helene. Die zu diesem Zeitpunkt bereits verraten und ermordet wurden.

In der Ausstellung zu Curt Bloch finden sich vergrößerte Cover des „Het Onderwater-Cabaret“

Ausstellung in Curt Blochs Schule

Die Zeilen des Gedichts „Freiheit“ prangen an der Fassade des Stadtgymnasiums Dortmund, wo es am 6. November im Rahmen einer Gedenkwoche eine Ausstellung und einen Gedenkabend zu Ehren des gebürtigen Dortmunders Curt Bloch gibt. Er war Schüler des Stadtgymnasiums, die Familie hatte ein Feinkostgeschäft in der Reinoldistraße. 1933 flieht Bloch in die Niederlande, wo er sich zunächst sicher wähnt.

Das Gedicht „Freiheit!“ findet sich auch auf einer großen Stoffbahn in der Ausstellung, designt von Stephanie Rezaloo. Die Gäste bekommen einen Eindruck von Curt Blochs „Het Onderwater Cabaret“ anhand abgebildeter Cover und ausgewählter Gedichte, eingebettet in den geschichtlichen Kontext. Wer die Treppe zur Ausstellung hinaufgeht, liest stufenweise historische Daten mitsamt der Geschehnisse bis hin zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Treppenstufen mit historischer Einbettung markieren den Beginn der Ausstellung.

Enormes Interesse an Curt Bloch

Weiter geht es in der Aula des Stadtgymnasiums mit einem Vortrag von Thilo von Debschitz. Der Wiesbadener Designer gewann mit Simone Bloch für das digitale Archiv „Curt Bloch und Het Onderwater-Cabaret“ einen Grimme Online Award. Curt Blochs Tochter Simone initiierte das Projekt. Sie kontaktierte Thilo von Debschitz auf Facebook, als sie einen Kontakt nach Europa suchte. Sie will das Werk ihres Vaters von New York aus nach Europa bringen, einer breiten Öffentlichkeit bekannt machen. Von Debschitz ignoriert ihre erste Anfrage: „Kein richtiges Profilbild, Wohnort: Hanoi? (Hatte Simone Bloch aus Spaß angegeben) Das kann nur ein Bot sein.“ Doch zum Glück bleibt Simone Bloch beharrlich und sie erreichen in vier Jahren den Aufbau der Webseite, eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin, 12 Seiten in der SZ, ein großer Artikel in der New York Times, ein Buch über Curt Bloch, vor kurzem gab es sogar das Angebot zu einer Oper.

Thilo von Debschitz beim Vortrag im Stadtgymnasium Dortmund

Das Interesse ist riesengroß, auch im Stadtgymnasium. Den Auftakt des Gedenkabends bildet eine Gruppe von Schüler:innen, die nach und nach im Publikum aufstehen und das Gedicht „Freiheit“ rezitieren. Schulleiterin Stefanie Klimasch und Klaus Wegener, Präsident der Auslandsgesellschaft Dortmund, begrüßen das Publikum. Beide rufen eindringlich dazu auf, im Sinne von Curt Bloch für Toleranz einzutreten und Freiheit nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern dafür zu kämpfen.

Thilo von Debschitz stellt das einzigartige Werk Blochs vor. Bereits bei der Verleihung des Grimme Online Award hatte er es als einen kostbaren Schatz bezeichnet, vergleichbar mit den Tagebüchern der Anne Frank; dass es so etwas nach 80 Jahren zu entdecken gibt, habe er nicht für möglich gehalten.

Schulleiterin Stefanie Klimasch, Simone Bloch und Thilo von Debschitz

In seinem Vortrag geht der Designer auf die Gräueltaten der Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg ein und verknüpft diese mit Curt Blochs Leben. Die etwa 200 Gäste sind berührt, auch von den acht Gedichten, welche die Schüler:innen vortragen. Simone Bloch betritt die Bühne. Sie ist extra aus New York angereist. Ein donnernder Applaus. Ausführlich beantwortet sie Fragen aus dem Publikum. Das Interesse ist enorm. Der Abend ein Erfolg. Zum Schluss macht Thilo von Debschitz ein Foto von Simone Bloch vor dem fast vollen Saal. Für ihre Mutter. Diese ist stolz. Und kann es kaum glauben, wie sehr das Werk ihres Mannes und ihre Familie geschätzt werden.

Familienbande

Vor dem Gedenkabend zu Curt Bloch besuchten Thilo von Debschitz und Simone Bloch auf dem Dortmunder Hauptfriedhof das Grab von Siegfried Bloch, dem Großvater von Simone Bloch. Hier führten wir ein Interview mit Simone Bloch und Thilo von Debschitz, das Video findet sich hier.

Thilo von Debschitz und Simone Bloch am Grab von Siegfried Bloch

Text und Fotos von Monika Elias, Grimme-Institut

2 Kommentare
  1. Oliver Arning sagte:
    25. November 2024 um 16:34

    Es war eine Freude und Ehre, Simone Bloch und Thilo von Debschitz in Dortmund zu treffen. Als ehemaliger Abiturient des Stadtgymnasiums, der 65 Jahre nach Curt Bloch das Abitur baute, war es eine gleichermaßen bewegende und beeindruckende Veranstaltung, Ausstellung sowie Geste. Insbesondere die Einbindung der Schülerinnen und Schüler unterschiedlichster Kultur- und Religionszugehörigkeiten zeigten sehr deutlich, dass Nationalismus und Isolationismus keine überlebensfähigen politischen Strömungen sind. Gleichwohl muss man die Freiheit als Grundlage für eine pluralistische Gesellschaft „hüten“. „Denn wer unfrei ist, ist – tot.“

    Antworten
  2. Elke Gruhn sagte:
    25. November 2024 um 22:20

    Fantastisches Projekt – von Herzen weiterhin nur das Beste!

    Antworten

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