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13. April 2023/inGrimme-Preis, Nominierte

Fernsehen ohne fernzusehen

Der Netzblick auf die Nominierungen und Preisträger*innen des 59. Grimme-Preis

Ein Gastbeitrag von Benjamin Roth

Ein Grimme-Preis für einen TikTok-Kanal? „Ich würde sagen, die Grenzen verschwimmen an der einen oder anderen Stelle“, so die Grimme-Preis Leiterin Lucia Eskes in Folge 6 des Podcast „LÄUFT“ vom Grimme-Institut und epd-Medien (hier zum nachhören). Das funk-Format smypathisch ist die Überraschung des 59. Jahrgangs. Seit 2022 präsentiert Marie Lina Smyrek – reduziert auf Augen und Mund – auf unaufgeregtem schwarzem Hintergrund satirische Wochenrückblicke, diskutiert „das arroganteste Besteck“ und beantwortet Fragen, die man sich vielleicht selbst noch nie gestellt hat. „Es folgt natürlich schon klassischen Nachrichtenformaten, aber da kann man sicherlich diskutieren“, sagt Lucia Eskes. Die Jury der Kategorie „Kinder & Jugend“ ist begeistert: „Marie Lina Smyrek hat mit „smypathisch“ ein Format von einzigartiger Stilistik und Originalität geschaffen, das zur Weiterentwicklung der audiovisuellen Kultur beiträgt und mehr als die junge Zielgruppe im Auge hat. (…) Solche Leute werden den öffentlich-rechtlichen Rundfunk retten“ (hier nachzulesen).

Fernseher vor einer kargen Wand

Foto: Pexels/Pixabay


Screenshot des TikTok Kanals

Screenshot des TikTok Kanals „smypathsich“

Dass sich das Fernsehen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer mehr ins Digitale verlagern, ist kein Geheimnis. Schon vor einigen Jahren wurde der Wettbewerb des Grimme-Preises geöffnet – Preisträger*innen und Nominierte sind nun auch in Mediatheken, auf Streamingdiensten und in den Sozialen Medien vertreten. Besonders in der jungen Zielgruppe scheint das gut anzukommen: In der Kategorie „Kinder & Jugend“ wurden fünf funk-Produktionen nominiert, die ausschließlich online verfügbar sind. Zwei dürfen sich jetzt über einen Grimme-Preis freuen. „Gerade Kinder & Jugend ist natürlich eine Kategorie, in der es relativ viele Grenzgänger gibt“, sagt die Grimme-Preis Leiterin.

Screenshot von STRG_F

Screenshot des Youtube Formates “STRG_F bei den Taliban: Warum finden Menschen sie gut?”

Für funk scheint das digitale Konzept zumindest aufzugehen. Nicht nur 2023 konnte sich das Netzwerk über Grimme-Preise freuen. Im letzten Jahr gab es sechs Nominierungen und eine Auszeichnung für den Kanal offen un‘ ehrlich. Doch ist funk nur was für junge Leute? Nicht wenn es nach der Jury „Kinder & Jugend“ geht: Sie zeichnete die Dokumentation STRG_F bei den Taliban: Warum finden Menschen sie gut? (NDR/funk) aus, und möchte das „als Signal an ARD und ZDF verstanden wissen, für herausragende funk-Beiträge dieser Art auch im linearen Fernsehen einen Platz zu finden, um auf diese Weise zumindest theoretisch all jene zu erreichen, die ihren Bewegtbildbedarf nicht über die Mediatheken decken oder der Meinung sind, funk sei nur was für junge Leute“ (hier nachzulesen). Die Reportage kommt schon

Screenshot des Dokumentarfilms

Screenshot des Dokumentarfilms „Unrecht und Widerstand-Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung“ vom ZDF

allein wegen der Länge näher an Fernsehästhetik heran und zeigt noch einmal mehr, dass sich die Ausspielwege längst verändert haben. STRG_F kann sich nun über einen Grimme-Preis und einen Grimme Online Award freuen. Letzteren gab es 2020 als Auszeichnung für das digitale Reportageformat und im Gegensatz zum Grimme-Preis wird hier der ganze Kanal ausgezeichnet. STRG_F „begeistert ein junges Publikum für investigativen Journalismus und zeichnet sich durch transparente, professionelle Rechercheprozesse und ein hervorragendes Gespür für interessante und herausfordernde Themen aus“, hieß es 2020. Der Grimme-Preis 2023 zeigt: An der Qualität hat sich nichts geändert. Ein weiterer ehemaliger Gewinner des Grimme Online Award findet sich in diesem Jahr bei den Nominierungen in der Kategorie „Information & Kultur“. Der Dokumentarfilm Unrecht und Widerstand – Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung (strandfilm/navigator Film für ZDF/3sat) thematisiert den Widerstand von Romani Roses Familien. Der Grimme Online Award 2020 ging an das RomArchive, das digitale Archiv der Sinti und Roma. Romani Rose wurde hier bereits als Kurator mitausgezeichnet. In der Kategorie „Kinder & Jugend“ fällt eine Besonderheit auf: Bei den Nominierungen in diesem Jahr finden sich

Screenshot des Angebots

Screenshot des Angebots „Science for Future“

auffällig viele On-Reportagen. Das Format ist im Netz bereits etabliert und jetzt immer häufiger auch abseits dessen anzutreffen. Reporter*innen treten vor die Kamera und lassen die Zuschauer*innen an ihren Eindrücken und Erlebnissen teilhaben. Bei gleich mehreren Nominierten sind On-Reportagen zu finden. Bei Science for Future (i&u für SWR) stellt sich Jacob Beautemps Fragen wie „Was werden wir in Zukunft essen?“, nimmt die Zuschauer*innen mit auf seine Reise im Dienste der Wissenschaft und isst dabei auch das ein oder andere Insekt vor laufender Kamera. Die Frage: Heute muss ich ihm vor Gericht gegenübertreten | Macht Knast krimineller? #1 (BR/funk) schafft es gerade durch den Austausch von Reporter und Protagonistin einen sensiblen Einblick in das schwierige Thema der sexualisierten Gewalt zu geben. Und auch bei der ausgezeichneten Reportage von STRG_F scheint das Format zu wirken. „Als besonders beeindruckend empfand die Jury die gelungene Verschränkung der privaten mit der gesellschaftlichen Dimension, zumal die Verknüpfung der familiären Ebene mit den

Screenshot des Youtube Kanals

Screenshot des Youtube Kanals „Die Frage“ von BR & funk

politischen Rahmenbedingungen überaus fesselnd ist: Nur so sind die speziellen Einblicke überhaupt erst möglich geworden“, heißt es in der Begründung zum Preis. Von TikTok zu TickTack: Auch Lisa & Lena, bekannt durch „musical.ly“ und später TikTok waren mit der Reihe TickTack Zeitreise mit Lisa & Lena: DDR und BRD – das geteilte Deutschland (tvision für SWR) in der Kategorie „Kinder & Jugend“ für den 59. Grimme-Preis nominiert. Wenn die Formate des funk-Netzwerks das Fernsehen in die Sozialen Medien holen, dann gehen die Zwillinge den umgekehrten Weg von der digitalen Präsenz ins lineare Fernsehen. Bekannte Gesichter, die das junge Publikum zu etablierten Formaten ziehen. Aber muss es immer lineares Fernsehen oder Onlineformat sein? Die Dokumentation Wie Gott uns schuf. Coming Out in der katholischen Kirche und das dazugehörige Begleitprojekt zeigen eindrücklich, dass es sich lohnt, beide Bereiche miteinander zu verknüpfen. Nominiert wurde die 60-minütige Dokumentation für den Grimme-Preis Spezial in der Kategorie „Information & Kultur“. Sie wurde erstmals zur besten Sendezeit im Ersten ausgestrahlt – in der Mediathek finden sich

Screenshot des Formates

Screenshot des Formates „Tick Tack Zeitreise mit Lisa & Lena“ vom SWR

Einzelinterviews der Protagonist*innen, die ihre Geschichten erzählen. Gemeinsam schaffen sie ein eindrückliches Bild, das zeigt, wie groß die Diskriminierung gegen queere Menschen innerhalb der Katholischen Kirche immer noch ist und wie wichtig es ist, dass auch den individuellen Perspektiven Gehör geschenkt wird.

Sichtbarkeit ist auch das Stichwort bei der Nominierung für den Grimme-Preis Spezial in der Kategorie „Unterhaltung“ für Joko & Klaas 15 Minuten Live: Aufmerksamkeit für #IranRevolution. Zwei der bekanntesten deutschen Moderatoren verschenken ihre Sendezeit – und ihre Instagram Kanäle mit zusammen über zwei Millionen Follower*innen – an Azam Jangravi und Sarah Ramani, zwei Aktivistinnen für Frauenrechte im Iran. „Das Einzige, was Iraner*innen zumindest etwas davor schützt, nicht getötet zu werden, ist die globale Aufmerksamkeit“, so Joko Winterscheidt. Nicht nur im linearen Fernsehen, sondern auch in den Sozialen Medien. Mit Jan Böhmermann gibt es einen

Screenshot der Dokumentation

Screenshot der Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ im Ersten

altbekannten Preisträger. Er selbst erhielt 2016 die besondere Ehrung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (im selben Jahr war er auch für den #GOA nominiert). Der Vorgänger des ZDF Magazin Royale (Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld für ZDF), das NEO MAGAZIN (ZDF/ZDFneo), erhielt 2014 den ersten Grimme-Preis. Der Grimme-Preis 2023 ist damit der sechste für Jan Böhmermann und der vierte für das Magazin Royale. Zuletzt gab es den Grimme-Preis für Böhmermann übrigens 2019. „Man kommt an dem Format nicht vorbei, weil es in dem letzten Jahr immer wieder viele Beiträge, einzelne Folgen, einzelne Elemente hat, die große Debatten angestoßen haben und andere Debatten groß gemacht haben“, so Amna Franzke, Ressortleiterin der jungen Angebote bei „Zeit Online“ und Vorsitzende der Jury „Unterhaltung“ im Podcast „LÄUFT“ (hier zum nachhören). Die Jury lobte zudem besonders: „Eigene Rechercheleistungen und für ein größeres Publikum satirisch aufbereitete Informationen, die sonst nur ein Fachpublikum erreicht hätten, sind zum Markenzeichen des ‚ZDF Magazin Royale‘ geworden“ (in Gänze hier nachzulesen). Sicherlich spannend wäre ein Blick

Screenshot der Aktion

Screenshot der Aktion „Aufmerksamkeit für #IranRevolution-Joko & Klaas 15 Minuten Live“

auf die Unterschiede der Einschaltquoten zwischen linearem Fernsehen und der ZDF-Mediathek. 2020 konnte das Programm bereits 600.000 Sichtungen pro Folge in letzterem verbuchen (aus DWDL.de). Leider gestaltet sich eine genaue Aufschlüsselung der Quoten sehr schwierig, da die Erfassungsmethoden einige Probleme aufwerfen. Mehr Informationen zu diesem Thema gibt es übrigens von Mai Thy Nguyen-Kim (Grimme-Preis 2021 und Grimme Online Award 2018) im Format MaiThink X (Folge vom 20. März 2022). Fest steht: Die Grenzen zwischen Fernsehen und digitalen Angeboten verschwimmen immer mehr. Und

Screenshot der Late-Night-Show

Screenshot der Late-Night-Show „ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann

trotzdem: „Der Grimme-Preis ist doch der Preis fürs klassische Fernsehen. Egal auf welchen Ausspielwegen es zu uns kommt“ (Lucia Eskes im Podcast „LÄUFT“). Am 21. April werden die Preise im Theater Marl verliehen.

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